Montag, 8. Februar 2010

Krisengedanken

Kurz vor meinem Urlaub war ich mit meinem arbeitslosen Freund essen. Er hat voller Begeisterung von der Maßnahme berichtet, die ihm aufgebrummt worden ist. Der Name der Beratungsfirma ist egal, er lernt dort, sich blind zu bewerben und macht einen Computerkurs. Alles sehr sinnvoll, wie er findet. Ehrlich. Seit zwei Jahren ist er jetzt arbeitslos, intensiv auf der Suche und sehr arbeitswillig.
Letzte Woche geisterte dann eine Meldung durch die Medien, bei der normalerweise sämtliche Alarmglocken schrillen müssten. In Österreich sind zur Zeit 400000 Menschen arbeitslos. Das bei einer Bevölkerung von 8 Millionen Menschen.
Und wieder ein paar Tage später war dann eine Meldung in der Zeitung, bei der ich schlucken musste. Es gibt eine Branche, die der Krise trotzt und die sogar enorme Zuwachsraten verzeichnen kann. Die Beschäftigtenzahlen in dieser Branche sind gewaltig gestiegen, sie können nicht klagen. Bei dieser Branche handelt es sich um die Beraterfirmen. Diejenigen, welche Arbeitslosen beibringen, wie man in Worddateien seine Bewerbungsdaten einfüllt zum Beispiel. Diejenigen, welchen vom Arbeitsmarktservice die Kundschaft vermittelt wird, auf dass die Zahl der Arbeitslosen schrumpfen möge.
Ich habe dann so gegrübelt über die geheime Logik dieser Tatsache und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass diese Branche eigentlich gar kein Interesse an sinkenden Arbeitslosenzahlen haben kann. Die Arbeitslosen sind ihre eigene Existenzberechtigung. Was täten sie, gäbe es plötzlich keine Arbeitslosen mehr?
Vielleicht erliege ich da aber auch einem Trugschluss. Über heftigen Widerspruch würde ich mich jetzt direkt freuen. Da wäre mir wohler.

Kommentare:

  1. Ich glaube schon, dass bei euch in Deutschland, sehr viel Schmuhh mit euren Arbeitslosen getrieben wird. Manche müssen sogar bezahlen, wenn sie eine anständige Mappe haben wollen, die sie dann zum Vorstellungsgespräch mitnehmen sollen. Finde ich aber sehr verwerflich. Bei uns wundert es mich, dass es noch nicht soviele Arbeitslose gibt, da es bei uns ein Minimaleinkommen gibt. Ein Arbeitsloser bei uns bekommt mindestens 1400 Euro zum Leben, und noch manche Hilfen mehr. Trotz allem, ist bei uns die Rate der Arbeitslosen in letzter Zeit auch gestiegen. Bei uns gib^t's auch noch das Problem der Grenzgänger. Bei uns in Luxemburg arbeiten über 400.000 Grenzgänger, bei einer Einwohnerzahl von 450.000 Menschen. Da ist es sicher dass die Luxemburger zu kurz kommen....
    Also bei uns ist es nicht besser, nur das bei uns die Arbeitslosen halt mehr Geld bekommen...

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  2. Das ist wirklich paradox!! Aber es ist der Trend in der liberalen Marktwirtschaft, immer weniger Arbeitskräfte produktiv zu beschäftigen, denn das würde den Profit schmälern. Also werden solch' unproduktiven Einrichtungen geschaffen, um Menschen zu beschäftigen und ihnen den Schein von Arbeit zu geben. Traurig aber wahr!!

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  3. Ich würde Dir ja gerne eine Freude machen - aber wir leben nun mal auf dem sozialen Finanz-Verschiebebahnhof, und das ist eines der Themen, die mich auf die Palme bringen, damit habe ich mich gut 20 Jahre politisch aktiv herumgeärgert um schlußendlich festzustellen, daß es einfach so gewollt ist von unseren gewählten Volksvertretern.
    Und wenn da einer nicht mitspielt, kommt er auf die Bank.
    So einfach ist das.

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  4. Dein Denkansatz ist aber richtig.... ich kann dir da nicht wirklich widersprechen. Bei uns schiesen die so genannten Bildungsträger auch wie Pilze aus dem Boden....

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  5. Liebe Margot, ich glaube gern, dass die Branche dieser Berater und Bildungsträger keine schlechte Zeit habt, aber es kommt auch wieder anders. Seit in Deutschland der Chef der Arbeitsagentur ein ehemaliger Manager mit Controller-Diplom ist, wurde heftig im Schulungs- und Bewiligungsdschungel aufgeräumt. Viele Firmen die sich hier prächtig eingerichtet hatten, mussten nun echte neue Kunden finden oder haben es nicht geschafft. Die Schulungsmaßnahmen werden mittlerweile auch sehr viel Stärker einer Qualitätskontrolle unterzogen und schlechte Anbieter bekommen keine neuen Aufträge. Dass sich die Bildungsanbieter ihre eigene Dauerkundschaft mit schlechter Fortbildung schaffen können, trifft so nicht zu. Außerdem dem sollte man vielleicht auch bedenken, dass eine Fortbildungsmaßnahme für die Arbeitslosen für den sozialen Umgang und den Kontakt zur Arbeitswelt sehr wichtig ist, vielleicht sogar wichtiger als schlussendlich eine originelle Bewerbung zu schreiben.
    Die Wirtschaftskrise hat leider viele Jobs gekostet, den Arbeitslosen keine Maßnahmen anzubieten wäre in meinen Augen auch nicht der rechte Weg. Es kommt auf das Augenmaß solcher Maßnahmen an und da hat sich in Deutschland in den letzten 8 Jahren viel geändert, so dass die Arbeitsagentur einen größeren Batzen Geld ansparen konnte, um jetzt in der Krise nicht sofort die Beiträge zu erhöhen. Die Arbeitsagentur sitzt gegenüber den Bildungsträgern stets am längeren Hebel was Aufträge und Konditionen angeht und für diese Firmen ist es oft nicht einfach mit nur einem großen Kunden zu leben und zu bestehen. Die Honorare oder Gehälter für die Lehrkräfte und Dozenten sind seit Jahren am unteren Limit und wer damit seinen Lebensunterhalt verdient hat keinen leichte Arbeit. Häufig haben die Mitarbeiter der Bildungsfirmen befristete Verträge oder sind freiberuflich tätig, wenn die jetzt für ein zwei Jahre eine gute Zeit haben, sei ihnen das fast gegönnt, sobald es mit der Wirtschaft spürbar bergauf geht und Arbeitslose schneller vermittelt werden können, ist damit wieder vorbei und die Dozenten selber werden zu Kunden des Arbeitsamtes. In Deutschland hätte es kaum jemand für möglich gehalten, dass die Mitarbeiter im Arbeitsamt zu echten Fallmanagern werden und Zielvereinbarungen haben, die sicherstellen sollen, dass die Arbeitslosen gut und fördernd betreut werden um ihnen schnell eine neue Perspektive zu verschaffen. Auch wenn längst nicht alles rund läuft, haben sich die Veränderungen sehr positiv ausgewirkt. Mit dem gleichen Geld wie früher werden inzwischen mehr Erfolge erzielt. Das ist schon eine beachtliche Leistung.
    Oh das wurde aber wieder lang, ich olle Quasseltante. Liebe Grüße von Antje

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  6. Hallo Margot, da passt mein blog Eintrag heute dazu.
    http://augenblickeundwortgeschenke.blogspot.com/2010/02/grundsatzentscheidung-in-karlsruhe.html

    Gibt es bei euch Ähnliches wie Hartz IV? lg Manu

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  7. Sonja, ich habe gerade anderswo gelesen, dass Arbeitslose in Deutschland 359 € im Monat bekommen. Das finde ich erschreckend. Ich selbst bin in Österreich. Bei uns soll im Herbst eine Mindestsicherung eingeführt werden, die das bisherige Sozialhilfesystem ablöst. Da geht es um einen Betrag von 744 €, was immer noch unter der Armutsgrenze liegt.
    Joachim, nicht nur weniger Arbeitskräfte werden beschäftigt, gleichzeitig ist auch das Pensionsantrittsalter erhöht worden, was die eigenartige Situation geschaffen hat, dass die Menschen zwar länger arbeiten sollen, aber wenn sie das Pech haben, arbeitslos und über 50 zu sein, sie kaum mehr eine Chance auf einen Job haben. An sich wäre es eine einfache Rechenaufgabe - längere Lebensarbeitszeit, weniger vorhandene Arbeit, wie kann man das lösen?
    Mo, das ist ein Thema, das mich in vielerlei Hinsicht auf die Palme bringt. Ich habe das hier sehr einseitig und knapp dargestellt, was mich am meisten ärgert an dieser ganzen Geschichte, ist, dass dieser mein Freund vermutlich nie mehr wieder einen Job finden wird, weil sämtliche Jobs mit jüngeren Leuten besetzt werden, die den Vorteil haben, dass sie es billiger machen.
    Antje, von den Verhältnissen in Deutschland habe ich absolut keine Ahnung, und so bin ich auch sehr froh um deine Erklärungen, auch wenn du dich selbst als Quasseltante bezeichnest. Das Argument der sozialen Kontakte kann ich gut nachvollziehen. Auch mein Freund hat das erwähnt, und dass diese Maßnahme seinem Tag Struktur gibt. Trotzdem kann ich es nicht glauben, dass diese Maßnahme ihm zu einem neuen Job verhelfen wird. Aber ich finde es schön, dass er trotz vieler Rückschläge seine Hoffnung nicht verloren hat.
    Manuela, ich war wirklich schickiert, als ich das bei dir über Hartz IV gelesen habe. Bei uns gibt es Arbeitslosengeld, welches sich nach dem früheren Einkommen berechnet, aber maximal 1200 € (ca., die genaue Summe habe ich jetzt nicht im Kopf). Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit verringert sich diese Summe um 20 %. Darüber hinaus gibt es derzeit noch Sozialhilfe, falls jemand weniger als das Existenzminimum erhält. Die ist von Bundesland zu Bundesland verschieden und soll nun für ganz Österreich einheitlich geregelt werden. Verbunden mit härteren Auflagen als bisher.
    Euch allen vielen Dank fürs Lesen und liebe Grüße von Margot

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  8. Widersprechen kann ich Dir leider nicht. Ich habe vor über 30 Jahren (bin ja schon fast 57) in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Damals war Hochkonjunktur in Deutschland. Diese britische Firma hat hier zwar Fuß gefasst, aber ihre Haupt-Auftraggeber waren in Südamerika, wo´s eben nicht so gut lief...

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  9. Es gibt eine gesellschaftswissenschaftliche Theorie - allerdings nicht rein marktwirtschaftlich orientiert, dass ein großer Teil der überschüssigen Gewinne für Arbeitsplätze im nicht produktiven Bereich investiert wird, z. B. Kunst, Bildung, Umwelt usw., weil auch diese Bereiche für eine gesunde Gesellschaft wichtig sind. Das funktioniert aber bei neoliberalistischer Marktwirtschaft nicht. Die freien Milliarden können hier eben nur absichtlich veruntreut werden.

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  10. Xammi, das ist wohl ein Indiz für diese These. Glauben will ich sie aber trotzdem nicht.
    Joachim, in einer Gesellschaft, die ihren Erfolg an den Gewinnen bemisst, sind nicht produktive Bereiche hauptsächlich ein Kostenfaktor und die ersten Bereiche, bei denen gespart wird. Als ich Kind war, gab es einmal die Theorie, dass wir nicht mehr so viel arbeiten müssten, wenn die Maschinen uns die Arbeit abnehmen. Diese Theorie hat wohl der Wind verblasen. So wie auch die Theorie von den Gewinnen, die sinnvoll investiert werden. Ich höre jetzt auf, sonst stifte ich dich noch zur Revolution an.
    Liebe Grüße von Margot

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  11. Ich möchte noch kurz das Sozialsystem in Deutschland klarstellen. Wer arbeitslos wird bekommt zunächst 1 Jahr, ältere Versicherte 2 Jahre Arbeitslosengeld. Die Höhe liegt bei 60% des früheren Nettolohnes bei Arbeitslosen mit unterhaltspflichtigen Kindern bei 68% des früheren Nettolohnes. Wenn die Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung ausgeschöpft sind und kein neuer Job gefunden wurde, fallen die Arbeitslosen unter die Hartz IV Gesetzte. Der Regelsatz beträgt 359 EUR, dazu werden vom Amt die Kosten für die Wohnung getragen. Für Kinder und andere Familienangehörige sind die Sätze niedriger. Dadurch dass die Kosten für die Wohnung durch das Amt beglichen werden muss niemand obdachlos werden oder Hunger leiden. Das Bundesverfassungsgericht hat nun die Regierung beauftragt die Regelsätze neu zu berechnen, da z.B. Kinder ca. 60% des Erwachsenen-Satzes erhalten und damit die notwendigen Kosten für Bildung nicht abgedeckt sind. Ob sich insgesamt die Zuschuss-Sätze erhöhen wird sich zeigen. Bei der Einführung von Hartz IV kam zu spürbaren Veränderungen in betroffenen Familien. Häufig war zu beobachten, dass volljährige Kinder auszogen und einen eigenen Hausstand begründeteten. Dadurch kam insgesamt mehr in die Kasse, weil die Wohnung vom Amt bezahlt wurde und der Wohnungsinhaber den vollen Satz von 359 EUR erhielt, statt den reduzierten Satz der in einer gemeinsamen Wohnung erzielbar gewesen wäre. Die Hartz IV Gesetze und die dazugehörigen Reformen bei Arbeitsamt hatten (wie schon beschreiben) zum Ziel, dass Arbeitslose schneller und effektiver vermittelt und qualifiziert werden, damit sie gar nicht erst in Hartz IV kommen.
    Es muss wirklich unglaublich schwer sein, ein halbwegs gerechtes System zu schaffen, denn ich sehe es schon so, dass Leute die Arbeiten gehen am Ende des Tages ein bessers Einkommen haben sollen, als Leute die nicht arbeiten, auch wenn sie an ihrer Arbeitslosigkeit vermutlich keine Schuld tragen. LG Antje

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  12. Ein bischen Revolution hat der Welt noch nie geschadet! Lach!
    Liebe Grüße
    Joachim

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  13. Liebe Antje, deine Ausführungen über euer Sozialsystem finde ich sehr interessant. Was mich noch interessieren würde, ist, ob durch die Einführung von Hartz IV die Arbetslosen nun wirklich schneller und effektiver vermittelt werden. Bei uns gibt es zum Beispiel Förderungen für manche Leute, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, das heißt, der Staat zahlt einen Teil der Lohnkosten, um Arbeitgeber dazu zu veranlassen, jemanden einzustellen. Der Effekt, der dabei zu beobachten ist, seht so aus, dass die Arbeitgeber zwar solche Leute einstellen, weil sie so zu billigen Arbeitskräften kommen, aber sobald die Förderung zu Ende ist, werden diese Leute auch sehr oft wieder entlassen. Was auch dazu führt, dass der Druck auf die regulär arbeitenden Menschen größer wird, auch für weniger Geld zu arbeiten, da es ja sehr kostengünstige Konkurrenz gibt.
    Joachim, und - wann fangen wir an?
    Liebe Grüße von Margot

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Ich freue mich, dass ihr bis hierher gelesen habt und freue mich noch mehr, wenn ihr eure Meinung dazu sagt.