Samstag, 14. November 2009

Großstadtdschungel

Die Straße meiner Kindheit war damals, in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, eine Hauptverkehrsstraße. Den ganzen Tag fuhren Autos vorbei, auch die ganze Nacht. Wir wohnten in einem Hochhaus im zehnten Stockwerk. Rundherum waren noch mehr Hochhäuser. Eine trostlose Kindheit, werden manche sagen. Jedoch waren dort nicht nur Hochhäuser und viele Autos.
Hinter den Hochhäusern, da war der Urwald. So nannten wir Kinder diese Halde, die bewachsen war mit dichtem Gestrüpp und Brennesseln. Riesengroße unverbaute Flächen gab es dort noch. Am Rand des Urwalds gab es auch eine Barackensiedlung. Notdürftig zusammengezimmerte Häuschen, in denen die Leute wohnten, vor denen unsere Eltern uns warnten. Was ein zusätzlicher Anreiz war, sie zu besuchen.
Im Urwald hielten wir uns stundenlang auf. Das war ein Abenteuerspielplatz par excellence. Den Eltern war es damals auch ziemlich egal, was die Kinder den ganzen Tag lang trieben, solange sie zur Essenszeit wieder zuhause waren. Passieren konnte nicht viel. Auf die Straße durften wir nicht, und daran hielten sich auch alle. Was sollte man schon auf einer stinkenden Hauptstraße, wenn man auch einen Urwald hatte.
Irgendwann änderte sich dann das Bild. Das erste Anzeichen dafür war, dass die Barackensiedlung verschwand. Dann wurden neben dem Urwald neue Häuser gebaut. Ein Abenteuerspielplatz wurde gebaut. So einer mit Klettergerüsten und Seilen, auf denen man hin und her schwingen konnte. Die Kinder wurden in erwachsenenkonforme Bahnen gelenkt. Der Spielplatz war nicht ganz das gleiche wie der Urwald, aber man ging eben hin, wenn die Kinderbande beschloss, dorthin zu gehen. Und dann, ganz plötzlich, fuhren Baumaschinen auf. Der Urwald verschwand, neue Wohnhäuser wurden gebaut. Die hatten rundherum gepflegte Rasenanlagen, und neben jedem Wohnhaus gab es auch eine Schaukel, eine Rutsche und eine Sandkiste. Kinder spielten auch dort, aber irgendwie hatte das alles nicht mehr diesen Hauch von Abenteuer, den es davor gehabt hatte.
Meine Eltern wohnen auch heute noch dort, nicht mehr in dem zehnstöckigen Hochhaus, sondern in einem von den neuen Wohnhäusern mit Rasenanlagen. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, gibt es mir einen kleinen Stich ins Herz, wenn ich daran denke, wie es dort einmal aussah. Aber vielleicht ist das auch nur die übliche Nostalgie, wenn man an die Kindheit zurückdenkt. Und ich frage mich auch, wo die ganzen Kinder sind. Die muss es doch geben in einer Gegend, die so dicht verbaut ist.

Kommentare:

  1. Ich glaube, die Freizeitgestaltung der Kinder sieht "heutzutage" anders aus. Da ist nix mit Urwald, es werden eher gezielt Verabredungen getroffen, da die Kindernachmittage vollgestopft sind mit Musik-, Reitstunden, etc. Ich kenn das auch noch so: Einfach rausgehen, es waren immer andere Kinder zum Spielen da.

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  2. Jepp.
    Hab gerade beim Lesen meine eigene Kindheit (Hamburg zu der Zeit) erlebt - ein Jahrzehnt davor, also in den 50ern... da gab es noch leere Grundstücke im alteingesessenen Villenviertel (Winterhude)und herrliche Kriegsruinen - ein Eldorado des Entdeckens....

    Und hier in Hannover, bei Oma Quentin in Waldheim, Kornfelder gleich hinter dem kleinen Reihenhaus ...

    Und vor 20 Jahren gab es auch hinter meiner Dachwohnung vor dem Wäldchen noch ein Bauernhaus mit Gras und Gänsen...

    Da freu ich mich, wenn ich zurück an den Chiemsee fahre - auch hier wurde modernisiert, aber nicht so krass (Prien mal ausgenommen *gg*)

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  3. Liebe Margot! Ich kann Dich voll und ganz verstehen. Wir haben als Kinder in den Ruinen in unserer abgebrannten Stadt gespielt. Das war abenteuerlich. Wir hatten zwei Gangs und haben uns hinter den Mauern versteckt, Steinschlachten geliefert. Das war dann allerings gefährlich und wurde uns von den Eltern verboten. Aber Räuber und Gendarm durften wir weiter spielen.
    Liebe Grüße
    Joachim

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  4. Wenn du die Kinder suchst, musst du in die Elektronikgeschäfte schauen. Dort datteln sie an Probierkonsolen rum. Oder sie haben son Ding zu Hause und gehen gar nicht mehr vor die Tür.

    Ich finds schrecklich. Meine Kindheit war da ganz anders. Sogar beim größten Sauwetter haben wir uns drausen getroffen und sind durch Wald und Flur gestreift.

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  5. Ich wohne immernoch dort wo ich aufgewachsen bin, in der gleichen Straße.
    Früher waren ständig Kinder draußen, man hat Völkerball gespielt, konnte rumrennen,hatte Platz, weil damals noch nicht so viele Autos parkten.
    Was ich in meiner Kindheit gesammelt habe waren die kleinen Lackbilder.
    Ich weiß garnicht ob es die überhaupt noch gibt.
    LG
    Annette

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  6. Die Zeiten haben sich ganz schön geändert. Heute hängen die Kiddis nicht mehr in Urwäldern herum. Können sie ja auch gar nicht mehr, irgendwie ist ja alles verbaut. Selbst wenn man die Kinder zum spielen rausschickt, wüssten sie glaub ich gar nicht wohin. Die Spielplätze sind verdreckt, wenn es sie überhaupt noch gibt bzw. gibt es für Kinder draussen doch nichts mehr. Vielleicht noch wenn man außerhalb oder auf dem Dorf lebt. Aber in der Großstadt? Kein Wunder wenn sie dann vor den PC oder TV sitzen.

    Im übrigen hab ich Dir eine Mail geschickt wegen der Gruselwolleaktion :o)
    Wünsche Dir noch ein schönes Restwochenende

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  7. Coco, die Freizeitgestaltung sieht heute wirklich völlig anders aus. Ich sehe es ja auch bei den Kindern hier in der Nachbarschaft, dauernd wrden die mit dem Auto irgendwohin gekarrt.
    Mo, da hast du sicher eine spannende Kindheit gehabt. Ich denke mir auch oft, früher hatten die Kinder noch nicht so viele Dinge, Barbies, Computerspiele, Rennautos und was weiß ich, da musste man einfach selbst was finden. Die Ruinen waren sicher ein Paradies für Kinder.
    Joachim, soso, Steinschlachten habt ihr gemacht. So einer warst du also. Aber bei uns, im Nachbarhaus, da waren die Eisenbahnerkinder daheim. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne, waren wir mit denen verfeindet. Heftige Kämpfe wurden da ausgefochten.
    Ghost, die Elektronikgescäfte sind auch ein heißer Tipp. Mit eigenen Augen gesehen.
    Annette, so habe ich das auch noch in Erinnerung, dass man einfach viel mehr Platz hatte. Die Lackbilder sagen mir gar nichts. Bei uns an der Tankstelle nebenan gab es solche Sammelbilder, die hießen "Heinrich der Hai". Sehr hoher Suchtfaktor.
    Sabine, Mail ist beantwortet. Freu mich schon, wenn's losgeht.
    Liebe Grüße euch allen von Margot

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  8. Liebe Margot, wieder ein so schöner Post von Dir. Leicht wehmütig, naja das werden wohl die meisten, wenn sie an die Kindheit denken.
    Die Straße meiner Kindheit war ein Sandweg, der das Wohngebiet (mit Eigenheimen) mit der Dorfstraße verband. Das war gut so, denn weder die Autos noch wir konnten mit dem Rad so schnell fahren, dass es gefährlich wurde. Heute ist alles asphaltiert, was die Kinder jedoch ebenso toll finden, weil sie gut mit Skates fahren können. Vielleicht darf man beim wehmütigen Blick auf die Kindheit nicht vergessen, dass es lange Zeit für Kinder gar keine Kindheit im heutigen Sinne gab, es musste mitgearbeitet werden auf dem Feld und in der Fabrik, ab der frühesten Kindheit. Auch wenn die jetzigen Kinder ihre Freizeit anders verbringen, ist es doch Freizeit und keine Erwerbstätigkeit wie die vielen Jahrhunderte davor. LG Kuestensocke

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  9. Natürlich ist Freizeit immer Freizeit. Man verfällt so leicht in nostalgische Gedanken, wenn man zurück denkt, aber man sollte sich vermutlich davor hüten, das mit einer Wertung zu verbinden. Bei uns werden jetzt gerade erst die Kinderrechte teilweise in die Verfassung aufgenommen. Gar nicht alle, weil manche durch die allgemeinen Menschenrechte abgedeckt sind. So lange ist es noch nicht her, dass Kinder auf dem Feld arbeiten mussten, wenn es denn überhaupt vorbei ist.
    Liebe Grüße von Margot

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Ich freue mich, dass ihr bis hierher gelesen habt und freue mich noch mehr, wenn ihr eure Meinung dazu sagt.