Mittwoch, 20. Mai 2009

Fast eine Fabel

Gestern war wieder so ein durchwachsener Tag mit Wolken und Regen, am Abend ein bisschen Sonnenschein. Sehr faul waren wir. Darum gibt es heute eine Geschichte aus dem Märchenbuch.
Also:
Es war einmal ein Amslerich. Er war so allein und wünschte sich nichts sehnlicher als eine Frau, die das Nest mit ihm teilen wollte. Doch wie das Leben so spielt, alle Amselfrauen in seiner Umgebung fanden ihn nicht schön genug. Da dachte sich der Amslerich, ich muss etwas ganz Außergewöhnliches machen, damit sie auf mich aufmerksam werden. Er setzte sich auf den allerhöchsten Dachgiebel, den er finden konnte und begann laut zu schreien. "Schaut her, schaut her, ich bin der Größte, ich bin der Schönste! Schaut her!" Das allein war aber noch nicht genug. Den Amselfrauen war das sowas von egal, ob er da oben saß und schrie oder nicht. Er begann sich aufzuplustern, mit den Flügeln zu schlagen und noch lauter zu schreien. Auch das nützte nichts.
Da sah er plötzlich am Nachbarbalkon eine gefährliche Katze sitzen, den Feind aller Amseln. (Gefährliche Katze ist relativ, 13 Jahre alt, gut genährt und sehr friedlich, so ein bisschen wie Garfield). Als der Amslerich die Katze sah, fasste er einen Plan. Ich werde meinen Mut beweisen, so dachte er. Laut schreiend stürzte er sich vom Hausdach und flog immer wieder der Katze vor der Nase herum. Diese ansonsten sehr friedliche Katze richtete sich auf, spitzte die Ohren und gab dieses Schnattschnatt-Geräusch von sich, das Katzen machen, wenn sie eine Beute erspäht haben. Dann wurde es dem Amslerich doch zu viel, er setzte sich wieder auf seinen Dachgiebel und beobachtete die Lage. Er konnte ja nicht wissen, dass diese Katze in ihrem Leben noch nie einen Vogel erwischt hatte.
Aber - anscheinend hatte sein Manöver Erfolg gehabt. Denn nun richtete der Amslerich seinen Blick auf einen nahe stehenden Baum und begann sanft zu pfeifen. Leise Töne, er wollte die Angebetete doch nicht in die Flucht jagen. Lange saß er so und fiepte vor sich hin, zärtlich und leise. Doch dann kam die große Elster (dreimal so groß wie er) und setzte sich auf sein Dach. Weg war er. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Kommentare:

  1. Liebe Margot, das klingt wie eine Fabel aus dem Leben.;-) Dabei sind es immer doch die leisen Töne die uns sensiblen Menschen im Innersten berühren..wenn das doch die Amselriche dieser Welt wissen würden...nicht das laute Plustern, "mein Haus, mein Boot, mein Auto"..eher die leisen Töne...die zarten Worte, Nur einmal in meinem Leben begegnete mir ein solcher Amsel-Mann, leiser wie die anderen, werte-orientierter - ein christlicher Mann, kein großes Auto, kein Huas, kein Boot...aber ein Herz wie ein Bergwerk und Geist eine fantastische innige platonische Liebe und ich meine sie war die "größte Liebe " in meinem Leben. Frei von dem allgegenwärtigem Eros der oft nur anfängliches Begehren ist. Einen neue Erfahrung meinerseits - tiefer zugehen, die ich nicht missen möchte. Das Wasser war zu tief wie bei den Königskindern....und leider kein Happyend.Er hatte große Angst vor Bindung.Das Leben eben. liebe Grüße Manuela

    AntwortenLöschen
  2. Eine schöne Geschichte.... und eine Fabel obendrein. Ich glaub, mir sagt sie, dass ich vielleicht erstmal nachdenken sollte, bevor ich aus der Haut fahre oder ne dicke Lippe riskiere *schulterzuck*

    AntwortenLöschen
  3. Bevor man den Amslerich zu sehr bedauert, dass er ein einsames Singelleben führt, bist du sicher, dass es sich um einen Single handelt? Ich würde sein lautes Schreien und den Angriff Richtung Katze eher als Verteidigungsgebaren und Ablenkungsmanöver zum Schutz seines Nestes interpretieren. Wobei ich nicht die wunderschöne Fabel zerstören will, keinesfalls!

    Dein beschriebenes Schnattschnatt-Geräusch, das eine Katze macht, wenn sie eine Beute erspäht hat, hat mich neugierig gemacht. Unser Kater ist ja auch nur ein Balkonkater, also von gefährlichem Beutetier nicht die Spur, aber dass er ein Geräusch macht, das an Schnattschnatt erinnert (leider habe ich dieses auch nicht im Ohr klingen), könnte ich nicht behaupten. Seine ausgespähten Beutetiere sind allenfalls Insekten, aber das einzige, was mir dann auffällt, ist, dass seine Pupillen ganz riesig werden, als wollten sie Augen weniger leuchten, um möglichst nicht aufzufallen.
    Liebe Grüße
    MARiON

    AntwortenLöschen
  4. Tja, nicht so toll gelaufen würde ich meinen... Meine dicke Mietzekatze fängt ab und an mal Vögel (unter anderem auch lebendig und lässt sie im Wohnzimmer dann wieder frei, juhu!). Unsere Theorie ist aber, dass sie einfach ihren massigen Katzekörper drauf plumpsen lässt und die armen Vögel gar keine Chance mehr haben ;)
    Liebe Grüße, Alex

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Margt!
    Vermute mal, dass es auch extrem sture Amselweibchen gibt, die sich gar nicht aus der Reserve locken lassen.
    Vielleicht hatte die Angebetete auch keinen Bock ihre Freiheit aufzugeben, um später über einem Nest von Eiern zu hocken!
    Wer weiß....

    AntwortenLöschen
  6. Sorry! Leider ist das "o" auf der Strecke geblieben, liebe Margot!

    AntwortenLöschen
  7. Auch Elstern sind nur Menschen und der Druck wird immer von oben nach unten verteilt. Am Ende bleibt leider immer ein Amselmensch auf der Strecke.

    LG rolf

    AntwortenLöschen
  8. Niedliche Geschichte mit melancholischem Ende. Denken wir eben, der Amselmann ist zu einem Single-Flirt-Treff geflogen um sich eine Amselfrau zu suchen. Vielleicht war die Elster von Kai Pflaume geschickt, mit dem Auftrag, den Amselmann in die Spur zu schicken. Wünsche Dir einen schönen Feiertag. LG Doris

    AntwortenLöschen
  9. Manuela, was soll ich dazu sagen? Dass ich deinen Schmerz kenne, das kann ich sagen. Dass noch eine viel größere Liebe auf dich wartet, wirst du mir nicht glauben. Möglich ist es, aber man kann sie nicht erzwingen und schon gar nicht herbeiwünschen. Lass dich überraschen.
    Marion, du hast da natürlich einen sehr wunden Punkt in dieser Geschichte gefunden. Auch deine Interpretation der Geschichte ist sehr glaubwürdig. Darüber hinaus muss ich auch gestehen, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob es überhaupt ein Amselmann war. Ich weiß nämlich nicht, woran man den Unterschied erkennt. Aber das Schnattschnatt-Geräusch, das gibt es sicher. Ich weiß nur nicht so recht, wie ich es in Buchstaben umsetzen soll. Es klingt so, als ob die Katze die Kiefer zusammenschlägt und gleichzeitig mit der Zunge schnalzt. Sehr aufgeregt klingt es. Mein Kater machte das andauernd, Lily ist da ein bisschen zahmer.
    Alex, deiner Theorie (draufplumpsen) kann ich sehr viel abgewinnen. Vögel im Wohnzimmer hatte ich noch nie. Eine Freundin berichtet aber immer wieder einmal von zerfetzten Fledermäusen, das stelle ich mir auch sehr gustiös vor.
    Anna, wie man aber auch so stur sein kann! Verstehst du das?
    Rolf, deine Theorie des Klassenkampfes hat natürlich auch was. Man weiß ja viel zu wenig über die Hierarchien unter den Amseln und Elstern, wahrscheinlich könnte man viel von ihnen lernen.
    Doris, ein Single-Flirt-Treff ist für einen stolzen Amselmann wahrscheinlich der allerletzte Ausweg. Obwohl ich mir das sehr neckisch vorstelle, der Amslerich im Swingerclub z. B.
    Euch allen liebe Grüße von Margot

    AntwortenLöschen

Ich freue mich, dass ihr bis hierher gelesen habt und freue mich noch mehr, wenn ihr eure Meinung dazu sagt.