Mittwoch, 13. Mai 2009

Vergangenheit und Gegenwart

Das ist heute wieder einmal so ein Thema, bei dem ich lange überlegt habe, ob ich darüber schreiben soll. Es ist ein Thema, das in der Öffentlichkeit liegt, in gewisser Weise aber auch ein sehr persönliches Thema, das mich mein Leben lang begleitet hat. Ich bin mir auch noch nicht sicher, ob ich heute damit fertig werde, und noch weniger sicher bin ich mir, ob ich die richtigen Worte dafür finde. Behutsame Worte sind hier gefragt. Vorausschicken möchte ich auch, dass ich nie viel davon gehalten habe, mir nahestehende Personen an das Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, hat auch gar nicht so viel mit den persönlichen Geschichten zu tun, die darin vorkommen. Diese sind nur ein Beispiel, wie es in ähnlicher Form Tausende solcher Geschichten gibt.

Vor wenigen Tagen haben Jugendliche eine Gruppe von KZ-Überlebenden, die an den Ort ihres persönlichen Grauens gereist sind, beschossen. Am Tag davor schon - das wurde mit etwas Zeitverzögerung bekannt - haben sie eine andere Gruppe von KZ-Überlebenden mit "Heil Hitler"-Rufen empfangen. Stellt euch bitte das Entsetzen dieser Menschen vor, die nach Jahrzehnten an diesen schrecklichen Ort zurückkehren (das Konzentrationslager Ebensee in Tirol) und dann mit solchen Rufen und Plastikgeschoßen empfangen werden.
Die Täter wurden mittlerweile ausgeforscht. Es handelt sich um 5 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren. Bei der Befragung gaben sie an, sie wollten provozieren und Aufmerksamkeit erlangen. Über die Grauen jener Zeit wussten sie bemerkenswert wenig.

Mein Vater ist Jahrgang 1925, meine Mutter 1928. Sie haben diese Zeit miterlebt. Heute sind sie alt, das kann man mit gutem Gewissen sagen. In letzter Zeit ist in den Gesprächen mit ihnen immer öfter der Tod ein Thema. Das halte ich für nur natürlich. Viele ihrer Generation sind schon gegangen, die Liste wird immer länger. Mit einer leisen Wehmut erfüllt mich das, und sie selbst mit einer Resignation gegenüber dem Unausweichlichen. Immer öfter ertappe ich mich auch dabei, auf unser gemeinsames Leben Rückschau zu halten, ganz so, als ob es schon zu Ende wäre.
In unserem gemeinsamen Leben gibt es viele schöne Momente - glückliche, unbeschwerte Kindheitsmomente. Es gibt aber auch Momente, an die ich nicht so gerne zurückdenke. Wenn ich an die Vergangenheit denke, so tauchen da immer wieder Augenblicke auf, in denen plötzlich eine Mauer des Schweigens zwischen uns stand. Unverständnis, Unaussprechliches, eine unsichtbare Hand, die sich plötzlich vor den Mund legte. Mein Leben lang habe ich damit verbracht, diese Mauer zu ergründen, ich konnte sie nie verstehen. Lange Zeit habe ich auch gedacht, dass das nur in meiner Familie so wäre und dass in anderen Familien diese Mauer nicht bestünde. Erst viel später ist mir klar geworden, dass das ein Irrtum war. Es gibt andere aus meiner Generation, denen es genauso geht. Und diese Mauer gibt es immer noch. Sie wird bröckeliger mit der Zeit, aber sie steht.
Ich führe das auf die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Die Jugend meiner Eltern fand in einer Zeit statt, in der eine, nein, nicht nur eine, in der mehrere Generationen einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. In einer Zeit, in der sie hätten tanzen sollen und sich verlieben, wurden sie mit Parolen aufgehetzt, versteckten sich in Luftschutzkellern und wurden (im Fall meines Vaters) zur Armee eingezogen. Zur gleichen Zeit starben Millionen von Menschen. Diejenigen, die aus reinem Zufall jüdische Eltern hatten, in den Gaskammern des Dritten Reiches, andere auf den Schlachtfeldern eines sinnlosen Krieges. Meine Eltern hatten das Glück, von den damals "richtigen" Menschen gezeugt worden zu sein. Sie hatten das Glück, auf die richtige Seite gefallen zu sein. Das muss ihnen bewusst sein.
Mein Wissen über diese Zeit stammt nicht von meinen Eltern, wenn doch, dann bestenfalls in kurzen, angedeuteten Geschichten. Mein Wissen stammt aus dem Geschichtsunterricht, aus Filmen, die ich gesehen und aus Büchern, die ich gelesen habe. Ich war auch im Konzentrationslager Mauthausen. Dort gibt es eine Wand, an der Fotos der Ermordeten aufgehängt sind. Diese Fotos waren es, die dem unmenschlichen Grauen für mich ein Gesicht gegeben haben, die mich tatsächlich in Ansätzen begreifen ließen, was hier geschehen ist. Es sind Fotos von ganz normalen Menschen, Bäcker, Studenten, Maurer, ein ganz normaler Querschnitt der Bevölkerung. Menschen, denen die Zukunft geraubt wurde. Wenn ich heute manchmal höre, man sollte die Vergangenheit ruhen lassen, das alles ist längst vorbei, dann kann ich nicht anders als dem entgegenzuhalten: Dieser Massenmord darf niemals vergessen werden. Diese Menschen haben es sich nicht verdient, in Vergessenheit zu geraten.
Der Holocaust ist ein Ereignis, das in der Geschichte einzigartig ist. Oft wird argumentiert, ja, aber, das hat es anderswo auch gegeben. Es stimmt, ja, auch andere grausame Herrscher haben Konzentrationslager als Mittel zum Terror gegen die eigene Bevölkerung für sich entdeckt. Doch kann das erstens niemals eine Entschuldigung sein und ändert zweitens nichts an der Tatsache, dass hier erstmals in der Geschichte eine ganze Bevölkerungsgruppe systhematisch ausgerottet wurde, allein wegen ihrer Herkunft.
Das Wissen über diese Zeit ist, wie der oben geschilderte Vorfall verdeutlicht, erschreckend gering. Doch hat die Ideologie dieser Zeit bis heute überlebt. An anderer Stelle habe ich gesagt, dass die Geschichte auch mit der Gegenwart zu tun hat, auch mit der Zukunft. Geschichte ist niemals vorbei, sie wirkt immer nach.

Fortsetzung folgt.

Kommentare:

  1. Meine Eltern sind beide vom Jahrgang deines Vaters, haben also aus der Zeit des Nationalsozialismus wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen wie deine Eltern. Ich kann nicht sagen, dass ich die Thematik der Mauer des Schweigens kenne. Lebenslangen Einfluss hat das Erlebte sicherlich auf die Menschen gehabt, der Meinung bin ich auch. Ansonsten bin ich nicht deiner Meinung, dass das Wissen um diese Zeit allen später Geborenen nahe gebracht werden muss. Klar sollen die Menschen, die damals starben, nicht vergessen werden. Aber dafür wird gesorgt durch Örtlichkeiten und Medien und jeder, den es interessiert, soll sich aus dem Angebot an Infos bedienen. Aber grundsätzlich glaube ich nicht, dass sich jeder dem Thema näher muss und auch nicht alle das genauere Wissen darum haben müssen. Ich finde, jeder sollte das Recht haben, das Thema nur so, wie er es selbst möchte (und vielleicht auch gar nicht) an sich heran zu lassen.
    Fanatismus und zerstörerische Ideologien wird es immer geben. Abschreckungscharakter hat auch leider Geschichte nicht.

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  2. Hallo Margot. Ein wahrlich bedrückender Artikel den du da geschrieben hast.
    Aus meiner Sicht kann ich nicht behaupten, dass für meine und die heutige Generation zu wenig Aufklärungsarbeit in Bezug auf die Grauen des 2.Weltkrieges geleistet wurde. Im Gegenteil. Es wird sehr viel an entsprechendem Infos gestreut und zu jeder sich biedenten Gelegenheit darauf hingewiesen. Ich finde das auch richtig und wichtig. Um so unerklärlicher ist mir das Verhalten jener jungen Menschen. Wenn sie provozieren wollen....dann sollen sie mal zu einer Demo der Rechtsrdikalen gehen und laut "Rot Front" ect. rufen. Ich glaube da wäre genug Potential um sich entsprechend hinter Unwissenheit zu verstecken und mal eins aufs M.... zu bekommen. Entschuldige bitte. Aber bei solchen Sachen ist mein Verständnis sehr weit unten im Keller. Ich hoffe nur, dass jenen "Kindern" und deren Eltern einmal auf anschauliche Art und Weise aufgezeigt wird, was es heist diese Zeit mit und überlebt zu haben.
    Ich wünsche dir auch noch einen "verkehrsreichen" Radlertag. ;-)


    LG rolf

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  3. hallo margot,

    vielen dank für deine lieben grüsse in meinem blog. mir gehts schon ein bissel besser, hab mir wohl ne leichte sommergrippe eingefangen.

    wünsche dir noch einen schönen tag ;o)

    lg

    bettyblue

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  4. Hallo Margot,

    ein wirklich guter Artikel, den du da geschrieben hast. Er regt zum nachdenken an und das sollte er auch. Meine Oma stammt auch aus der Zeit des Nationalsozialismus, allerdings hat sie sehr wenig darüber erzählt. Bei mir ist es genau so: fast alle Infos die ich habe, habe ich aus der Schule. Ich war allerdings auch im jüdischen Museum in Berlin und das war ein aufwühlendes Erlebnis. Das kann ich nur jedem empfehlen.
    Liebe Grüße,

    Steffi

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  5. Hallo Margot!
    Ich finde nicht, dass zu wenig Wissen über das Hitlerregime vermittelt wurde, zumindestens was meine Generation und meinen Kindern betrifft.
    Meine Eltern gehören dem Jahrgang 26 und 28 an. Sie haben uns oft vom Krieg, dem Grauen, den schweren Zeiten und ihrer Jugend aus ihrer Sicht erzählt. Eine Mauer des Schweigens gab es bei uns zum Glück nicht.
    Für Provokationen, in der Art wie du sie schilderst, habe ich keinerlei Verständnis. LG Iris

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  6. Liebe Margot,deinen Artikel finden ich sehr gut. Wir haben das gleiche Thema was du gerade hier nieder geschrieben hast auch in unserer Maßnahme gehabt als Diskussion. Ich bin froh ehrlich gesagt das in der Zeit nicht geboren und aufgewachsen bin. Es war eine sehr schlimme Zeit. Hab schon viele drüber gehört und viele Filme dazu geschaut. Mein Dad war wo er noch zur Schule ging mit seiner Klasse in Ausschwitz (Polen)...es war zwar schon vorbei die Hitlerzeit und so...aber er hat gesagt sowas graussames hat er noch nie gesehen...da lagen noch Haarbüschel und kleine Babyschuhe...

    liebe grüße Annetta

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  7. Liebe Margot!
    Kann viele Deiner Angaben bestätigen. Auch in meiner Familie gibt es das von Dir beschriebene Phänomen. Habe lange versucht, meine Wurzeln zu ergründen - und bin permanent auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.
    Obwohl mein Geburtsname eindeutig jüdischer Herkunft ist, haben meine Großeltern besagte Abstammung stets bestritten. Wie eine Fremde haben sie mir jede detaillierte Auskunft verweigert. Irgendwann habe ich mutlos aufgegeben. Auch die Genealogie brachte nichts, da ich keine konkreten Daten einbringen konnte...
    Einen lieben Gruß sendet Dir Anna

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  8. Super Margit,ein sehr berührender Artikel. Kommt wirklich ernsthaft an. Ich habe mich sehr oft damit beschäftigt, werde es wieder tun auf meiner HP...steht auch etwas zum Thema. Nein vergessen geht nicht.
    http://www.manuela-ist-online.de/108.html
    liebe Grüße Manuela

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  9. Jetzt bin ich ein bisschen erleichtert, muss ich sagen. Ich hätte nicht geglaubt, dass dieses Thema jemanden interessiert. Umso dankbarer bin ich euch, die ihr diesen Artikel aufmerksam bis zum Ende gelesen habt und euch auch eure Gedanken darüber gemacht habt.
    Marion, deine Meinung kann ich verstehen vor dem Hintergrund dessen, dass in Deutschland wesentlich früher und wesentlich gründlicher die Geschichte aufgearbeitet wurde als in Österreich. Österreich hat sich lange Zeit in der Opferrolle gefallen (das erste Opfer Hitlers), die Bösen waren immer die Deutschen und niemals Österreicher, das war immer sehr eindeutig. Aus diesem Grund haben bei uns erst sehr spät Diskussionen über die Rolle meiner Landsleute in dieser Zeit stattgefunden. Jedoch, ich hoffe du verzeihst mir meine Direktheit, kann ich deinem Argument, jeder könne sich selbst informieren, wenn er will, nicht viel abgewinnen, da auch massenhaft Falschmeldungen kursieren (immer wieder steht einer auf und quakt, den Holocaust hätte es nicht gegeben, z. B.). Außerdem könnte man dieses Argument dann auch noch weiterführen und sagen, jeder kann selbst rechnen und schreiben lernen, wenn er will. Meine Haltung dazu ist auch deshalb sehr eindeutig, weil es in Österreich in letzter Zeit einen signifikanten Anstieg an Delikten mit rechtsradikalem Hintergrund gibt, begangen von jungen Leuten, die keine Ahnung von der Geschichte haben. Ich glaube, dass dieses Wissen zur Allgemeinbildung gehört und jedem vermittelt gehört. Über den Abschreckungscharakter der Geschichte bin ich noch am Grübeln. Ich vermute, dass ein gewisses Grundwissen Menschen weniger empfänglich für Hetzparolen macht. Die Beweiskette habe ich aber noch nicht richtig auformuliert...
    Rolf, auch mein Verständnis für solche "Lausbubenstreiche" tendiert zum Nullpunkt. Es hieß auch, diese "Kinder" stammen aus gutem Elternhaus, was immer das jetzt wieder heißen soll und wären bis dahin noch nie einschlägig aufgefallen. Meine Vermutung ist die, dass da eine ganze Gemeinde die Augen ganz fest zugemacht hat, kann aber auch sein, dass das jetzt eine Unterstellung ist.
    Steffi und Annetta, ihr zwei Jungen, über eure Sicht der Dinge habe ich mich sehr gefreut. Bei uns hier habe ich manchmal den Eindruck, dass die jungen Leute darüber gar nichts wissen wollen. In Scharen laufen sie irgendwelchen Maulaufreißern nach und hinterfragen nicht einmal, was da überhaupt gepredigt wird. Soll jetzt keine Verallgemeinerung sein, nicht alle sind so, und dass ihr beide euch darüber Gedanken macht, freut mich wirklich.
    Iris, ich finde es sehr schön, dass deine Eltern mit euch darüber gesprochen haben. Das halte ich für sehr wichtig. Wenn das nicht geschieht, dann entsteht eben diese Mauer, von der ich geschrieben habe.
    Anna, deine Schilderung klingt sehr deprimierend. Leben deine Großeltern noch? Kann es sein, dass ihnen der Schrecken immer noch in den Knochen sitzt? Ich kann auch verstehen, dass du aufgegeben hast. Irgendwann habe ich auch nicht mehr nachgebohrt, es war einfach zu nervenaufreibend.
    Ja, und last but not least, Betty, freut mich sehr, dass es wieder bergauf geht!
    Euch allen liebe Grüße!

    Eine Fortsetzung der Geschichte habe ich ja auch angekündigt. Es ist eine Geschichte, die mir auch aus persönlichen Gründen sehr an die Nieren geht und die mich wirklich mein Leben lang beschäftigt hat. Ich lege eine Pause ein. Sonntag oder Montag geht's weiter.

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  10. Leider hat mich dieses Thema als Kind nie sonderlich interessiert. Geschichte überhaupt war ein greul. Was mich später und heute noch ärgert, da ich gerne gewusst hätte wie diese Zeit meine Großeltern erlebt haben und wie sie dazu stehen bzw. standen. Leider geht das nun nicht mehr und von meinen Eltern bekomme ich auch keine Info´s, da über dieses Thema immer geschwiegen wurde, die einzige Info die ich noch weiß, das mein Opa nicht in den Krieg ziehen musste. Aber dann hört es auch schon auf. Schade, denn es gehört ja nun mal zur Familiengeschichte dazu und irgendwie fehlt da was, aber nun ist es zu spät.

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  11. Manuela, deinen Bericht habe ich sehr aufmerksam gelesen. Würde auch gerne in der Fortsetzung noch eingehen auf die Frage, wie es möglich ist, dass ganz normale Menschen zu Mördern werden. Muss mir das noch durch den Kopf gehen lassen. Ich sehe schon, da wird es noch einige Fortsetzungen geben.
    Sabine, ja, ich finde das schade. Solche Lücken in der Familiengeschichte bieten so viel Raum zu Spekulationen, wie es gewesen sein könnte, und die Wahrheit wird man nicht erfahren. Es fehlt etwas.

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Ich freue mich, dass ihr bis hierher gelesen habt und freue mich noch mehr, wenn ihr eure Meinung dazu sagt.