Montag, 18. Mai 2009

Weiter in der Geschichte

Es hat einen Grund, weshalb mich der Nationalsozialismus beschäftigt. In meinem vorigen Artikel zu diesem Thema habe ich gesagt, dass die Vergangenheit nachwirkt. Gestern habe ich euch einen kleinen Zeitungsausschnitt gezeigt. Die Zeitungsausschnitte werden kleiner. Was vor 20 Jahren noch für einen Sturm der Entrüstung im ganzen Land gesorgt hätte, ist heute nur mehr eine kleine Randnotiz. Solche Äußerungen sind beinahe alltäglich geworden. Genauso alltäglich wie Berichte über rechtsradikale Übergriffe und Schmieraktionen im Konzentrationslager Mauthausen z. B. Die Zahl der angezeigten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund lag im Vorjahr bei über 800, wie vor ein paar Tagen in der Zeitung zu lesen war, ein neuer Höchststand. Das sind mehr als 2 am Tag, zum Vergleich dazu: Österreich hat 8 Millionen Einwohner.
Ich möchte hier nicht die Österreicher als ein Volk von Nazis darstellen. So ist das nicht. Aber ich möchte verstehen, wie es dazu kommen konnte. Ich bin keine Historikerin und auch keine Psychologin, aber das möchte ich verstehen.
Und so komme ich zum schwierigsten Teil dieser Geschichte. Ich gehe zurück in der Geschichte, in die Zeit, die ich letztes Mal geschildert habe, und versuche, die Menschen von damals zu verstehen. Wobei ich hier nicht objektiv sein kann, da es meine Elterngeneration betrifft und ich über Gründe für dieses und jenes nur Spekulationen anstellen kann. Widerspruch ist erlaubt und willkommen, es ist durchaus möglich, dass ich manches falsch sehe.
Als Ausgangspunkt nehme ich hier die Zeit des Dritten Reiches, in der meiner Meinung nach die Menschen tatsächlich einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Anders ist das für mich nicht erklärbar. Es wurden den Menschen Ideen von einer Herrenrasse in den Kopf gesetzt, es wurden ihnen Großmachtfantasien in den Kopf gesetzt, und es muss ihnen auch die Idee in den Kopf gesetzt worden sein, dass es nicht so schlimm ist, wenn plötzlich Nachbarn verschwinden in ein Schicksal, über das angeblich niemand etwas weiß. Ich sage angeblich, denn das ist für mich nicht glaubwürdig. Spätestens nach der Reichskristallnacht muss es den Menschen bewusst gewesen sein, was hier gespielt wird.
Eine Frage, die ich mir in diesem Zusammenhang immer wieder stelle, ist die nach dem Gewissen. Wie geht das menschliche Gewissen mit einer solchen Situation um? Wie hält man das aus? Indem man bewusst wegschaut und sich immer wieder einredet, halb so wild? Indem man sich diese Ideologie zu eigen macht und kompromisslos mitmacht, in der Hoffnung, dadurch selbst Vorteile zu erlangen? Indem man abwartet, bis der Spuk vorbei ist? Indem man Widerstand leistet und dabei sein eigenes Leben riskiert? Indem man auswandert? Indem man versucht zu helfen, wo es nur geht? Wie hätte ich selbst gehandelt?
Das Abwarten und Wegschauen ist meiner Meinung nach die einfachste Lösung und auch die Lösung, die am öftesten vorgekommen ist. Menschen haben familiäre Bindungen, die sie nicht aufs Spiel setzen wollen, sie wollen einfach heil aus dieser Sache wieder rauskommen und auch das Leben ihrer Angehörigen nicht riskieren. Man ist dabei in relativer Sicherheit, denn schließlich ist man nicht Jude und daher auf der richtigen Seite. Vielleicht glaubt man auch an das, was einem eingeredet wurde und fühlt sich ein klein wenig überlegen. Es wird schon einen Grund haben, weshalb man selbst verschont bleibt. Die Frage, ob ich das verurteilen kann, habe ich bisher für mich nicht klären können, weil ich nicht weiß, was ich selbst getan hätte. Aus heutiger Sicht ist es für mich leicht zu sagen, ich hätte dagegen angeschrieen, aber hätte ich das wirklich? Wenn ich damals gelebt hätte?
Das ist eine Frage, die mich sehr belastet, denn schließlich geht es hier auch um das Verurteilen der eigenen Eltern. Ich will das nicht, ich kann das nicht.
Also weiter in der Geschichte: Der Krieg ging zu Ende, das Dritte Reich ging zu Ende. Man hat überlebt. Manche mit körperlichen Blessuren, alle aber mit seelischen Blessuren. Zum Nachdenken blieb vermutlich nicht viel Zeit, es gab Wichtiges zu tun. Wiederaufbau, eine neue Existenz schaffen, genug zum Essen herbeischaffen, die zerstörte Sicherheit wiederherstellen. Nebenbei wurde einem auch mitgeteilt, dass das, woran man bisher geglaubt hatte, falsch war. Falsch und moralisch verwerflich. Wie geht man damit um? Nicht darüber nachdenken? Leugnen? Weiter an das glauben, an das man sein Leben lang geglaubt hat, und eben nicht mehr laut darüber sprechen? Versuchen, diese Zeit aus dem Gedächtnis zu tilgen? Auch das weiß ich nicht.

Genug für heute. Fortsetzung folgt.

Kommentare:

  1. Liebe Margot!
    Lange habe ich mich mit der unrühmlichen Vergangenheit der Deutschen beschäftigt - sie sogar zur meiner Examensarbeit gemacht.
    Ich denke, dass die Beweggründe, nicht aufzumucken, unterschiedlicher Natur waren!
    Überzeugung, falsche Ideologie, Mitläufertum, Angst, Vorurteile, Dummheit gepaart mit Blindheit, Rassenwahn, usw....die Palette ist breit!
    Fatal ist, dass die Masse der Menschen bequem ist und sich gerne führen lässt - wohin auch immer!
    Bin sogar der Überzeugung, dass die Menschen nicht wirklich aus ihrer Vergangenheit gelernt haben (nicht nur Deine Beispiele belegen es!), und...sich die Geschichte jederzeit wiederholen kann!!!
    Einen bedrückten Gruß sendet Dir Anna

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  2. Liebe Anna, genau auf deinen Schlusssatz will ich mit dieser ganzen Geschichte hier hinaus. Kann schon sein, dass ich da auch ein bisschen unbeholfen durch die Gegend tappe, es ist ein schwierig zu verstehendes Thema, an das ich nicht unvoreingenommen herangehen kann. Ich glaube auch, dass es ein Thema ist, das jeden und jede von uns betrifft, nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern auch wegen der aktuellen Entwicklungen.
    In dieser Sache sehr bedrückte Grüße zurück von Margot

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Ich freue mich, dass ihr bis hierher gelesen habt und freue mich noch mehr, wenn ihr eure Meinung dazu sagt.